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Interview

Sängerin und Songwriterin Katharina Franck über ihre Motivation in Rostock zu sein, Nazis, Demos und Jugendarbeit. mehr

Interview mit Konstantin Wecker

Konstantin Wecker wurde am 01.06.1947 in München geboren. Bereits mit sechs Jahren bekam er Klavierunterricht, worauf später Geige und Gitarre folgen sollten. 1970 begann er mit einem Studium in Philosophie und Psychologie an der Universität München. Drei Jahre später nahm er seine erste LP auf. Auftritte in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft folgten. 1976 nach drei weiteren LP`s startete Konstantin Wecker seine erste Deutschlandtour. Es folgten zahlreiche LP`s, Film- und Theatermusiken. 1985 spielte er zum ersten Mal in der DDR auf Usedom. Fortan folgte eine Tournee der Nächsten. Ob Solo, mit Band, mit dem Münchner Rundfunkorchester oder einem 17-köpfigen Chor aus Kamerun; Konstantin Wecker ging stets neue Wege, facettenreich und getreu seiner politischen Überzeugung.

DGB-Jugend: Was bedeutet für dich persönlich der 1. Mai?

Konstantin Wecker: Der 1. Mai bedeutet, dass ich immer an irgendwelchen Veranstaltungen singe. *lacht* Und dass es immer mit der Gewerkschaft zu tun hat und das nun bestimmt seit 20 Jahren. Ich glaube, ich habe keinen einzigen 1. Mai ausgelassen, ob es die IG Metall war, ob es der DGB war oder... ich werde nie vergessen, an einem 1. Mai bin ich mal noch Herrn Schröder begegnet, da gab es so nen heftigen Zoff. Und das waren immer eigentlich sehr sehr wichtige Veranstaltungen. Ich bin ja einer, der sich zur Gewerkschaft bekennt, zur Notwendigkeit einer starken Gewerkschaft, darum geht’s ja. Gewerkschaften gibt’s immer, die Frage ist: Wie stark ist eine Gewerkschaft? Welche Macht hat sie, welche Möglichkeit hat sie, auch was durchzusetzen? Und da finde ich, da braucht es Solidarisierung. Und ich meine in den 70er Jahren -da seid ihr zu jung dazu- da gab es diese Solidarisierung, da war es eigentlich selbstverständlich, dass Gewerkschaften und Künstler zusammengearbeitet haben. Heute sieht das nicht mehr ganz so rosig aus...

DGB-Jugend: Das stimmt.

Konstantin Wecker: Ja

DGB-Jugend: Gut. Wir sind ja von der DGB-Jugend und uns interessiert besonders: Was meinst du, warum haben rechtsextreme Nazis gerade bei Jugendlichen einen starken Zulauf? Was sind die Gründe?

Konstantin Wecker: Denen wird etwas geboten, ein Stück Heimat, das sie in dieser Gesellschaft überhaupt nicht mehr haben. Vielleicht auch eben in ihren Elternhäusern nicht mehr. Denen wird ein Stück Vertrautheit geboten und natürlich auch -darf man nicht unterschätzen- ein Gefühl der Macht durch den Zusammenschluss mit anderen. Man braucht keine eigene Identität in so einer Gruppe sondern man kann die Gruppenidentität verwenden. Man muss sich nicht mit sich selbst auseinander setzen, man kann einfach eine wage Identität einer größeren Gruppe nehmen... ich glaube ein Großteil, vielleicht sogar 90 % dieser jungen Rechtsextremen, sind ideologisch weder geschult noch geht’s denen so sehr um Ideologie, die machen da mit. Und dann machen sie halt auch bei den Parolen mit, die ihnen die anderen dann natürlich reindrücken ja... es ist viel versäumt worden. Also es ist auch, finde ich –mir wurde zwar vorhin heftig widersprochen- aber ich finde auch gerade von der linken Kultur ist viel versäumt worden. Die Linke hat sich selbst zerfleischt in den letzten zwei Jahrzehnten, hat sich zum Teil deformiert und verhämt. Und mit Häme überzogen ist keine wirklich geschlossene linke Kultur mehr wahr. Es gibt zwar Leute, die das anders sehen, aber von meinem Gefühl her ist da nichts entgegengekommen. Und dann konnten natürlich die Nazis mit ihren Drecksliedern Terrain erobern und für mich als Musiker ist es besonders schlimm zu sehen, was Musik anzurichten vermag an Negativem... na gut, ich muss ehrlich sagen, ich bezeichne das auch nicht mehr so richtig nicht als Musik. Es ist ein Lärm mit schrecklichen Texten.

DGB-Jugend: Du hast grad Heimat angesprochen. Meinst du, Heimat ist ein richtiger Begriff den auch Linke meinetwegen besetzen sollten?

Konstantin Wecker: Ich meinte vorhin nicht den geografischen Heimatbegriff, ich meinte den einer inneren Heimat. Also das ist sehr sehr wichtig zu unterscheiden, denke ich. Natürlich, der Begriff Heimat ist was ganz anderes als Vaterland. Ich hab also über diese Nationalstolzdebatte... das regt mich alles auf, das kotzt mich zum Teil an, aber Heimat ist schon etwas, mit dem wir alle etwas anfangen können, auch wir Linken natürlich, das ist gar keine Frage. Und das ist Dialekt, das ist Mundart, das ist eine bestimmte Gegend, aus der wir kommen. Das muss ja nicht in Blut und Boden ausarten, aber wir können dazu stehen, dass es natürlich ein Heimatgefühl gibt, dass es ein Heimatgefühl auch eben einer inneren Heimat gibt. Wenn man sich mehr mit dem Begriff der Heimat, der inneren Heimat, der geistigen Heimat und natürlich auch der geografischen, wo man herkommt -ich hab mal gesagt, Mutterländer wären mir lieber als Vaterländer, für mich hat Heimat so eher einen Mutterlandbegriff, das ist keine Grenze, die intellektuell oder durch Kriege gesetzt wurde, sondern das hat etwas mit dem zu tun, wo du geboren bist- wenn man sich mit dem ein bisschen mehr auseinandersetzt, auch auf poetische Weise, dann kann man vielleicht dieser schrecklichen Nationalstolzdebatte mal was entgegensetzen, die ja nur zu Verhärtungen führt.

DGB-Jugend: Wo meinst du sind die rechtsstaatlichen Grenzen, die vom Staat oder vom Gesetz her eben gesetzt werden, wie weit darf man gegen Nazis vorgehen? Was meinst du, wo sollten da die Grenzen sein?

Konstantin Wecker: Also ich bin der Meinung, es heißt zwar immer in der Demokratie muss alles erlaubt sein... ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass Faschismus keine Meinung mehr ist –wie es so schön heißt- sondern ein Verbrechen, weil wir es gelernt haben. Ich meine alles das, was wir historisch belegen können, das können wir wirklich abhaken und da müssen wir halt mal allen ernstes sagen „nein das ist keine Meinung“ und diese Meinung darf auch nicht –diese sogenannten Meinung- darf nicht verbreitet werden. Wenn jemand mit ganz neuen Ideen kommt, mit neuen Utopien, dann denke ich ist es ein Wesen der Demokratie, das auch mal auszuprobieren. Aber mit dem alten Scheiß, wo wir wissen wie viele Millionen von Toten und was für Elend es gebracht hat, da braucht man mir nicht mehr kommen und sagen, dass sei irgendeine Form von Meinung oder irgendwas, was man akzeptieren sollte. Nein, man muss mit allen rechtsstaatlichen Mitteln dagegen vorgehen, mit allem was möglich ist. Und nicht immer wieder sagen „aber wir müssen dann auch gegen linksextrem vorgehen“, das ist ein Quatsch. Es sind die rechtsextremen Gewalttaten angestiegen, nicht die Linksextremen, die gibt’s überhaupt nicht mehr. Manchmal beweint man es ja schon ein bisschen... *lacht*

DGB-Jugend: Ok. Hast du vielleicht noch zum Abschluss eine Botschaft für die Jugend, für die DGB-Jugend? Gerade in Bezug auf Nazis, irgendeine Message, die dir am Herzen liegt?

Konstantin Wecker: Also ich finde es ganz toll, wenn vor Ort die Jugendlichen, sich in antifaschistischen Kreisen zusammentun und versuchen so Aussteigerprogramme zu machen. Ich finde, das sind die wirklich guten Ideen und Möglichkeiten und wenn sie versuchen, die Jugend eben vor Ort auch mal zu sich aufzufangen, und dies auf eine Art und Weise zu machen... das könnt ihr schon machen, ihr könnt sie mit den Rechten auch ein bisschen abspenstig machen durch was spannendes. Lasst euch doch einfach was fantasievolles buntes einfallen *lacht*, was reizvoller ist, als diese dumpfe Glatzenmentalität. Ich glaube so sehr -nach wie vor- an das eigentlich Gute im Menschen, dass ich der Meinung bin, dass Buntheit immer mehr Faszinationskraft hat. Man muss es nur auch anbieten und natürlich sollte man dem Hass nicht –das versuchte ich vorhin auch zu erklären- nicht unbedingt mit allzu viel Hass entgegnen. Wenn es einem gelingt sollte man versuchen, vielleicht sogar das ganze liebevoll auch mal aufzufangen. Das ist sehr schwer, das weiß ich. Aber werde nie vergessen, wie ich in einer Diskussion mit einem Neonazi –damals hat man das noch gemacht vor 15 Jahren- war das mit so einem 17jährigen. Ich hab gesagt „Könntest du denn einen –wir hatten da schwarze Afrikaner in unserer Band- könntest du so jemand in den Arm nehmen?“ Sagt er „Nie!“. Da schreit einer von hinten „Ja kannst du denn ihn in den Arm nehmen?“. Und dann hab ich ihn genommen, geknuddelt und hab gesagt „Freilich kann ich ihn in den Arm nehmen“. Der ist ein viertel Jahr später ausgestiegen aus der Szene und hat gefragt, ob er bei uns auf Tour mitgehen kann als Techniker. Also, das ist ein Einzelfall aber ich will damit sagen, es geht natürlich vielleicht, der hat zu mir gesagt „Mich hat noch nie in meinem Leben jemand in den Arm genommen.“. Stell dir mal so was vor, was hat der für Eltern gehabt? Ja und wenn du so was hörst, dann merkst du, wo es eigentlich fehlt. Es ist nicht nur die Ideologie und die Dummheit, das sind die alten Säcke wie ich, die ihnen Ideologien eintrichtern, ja die sind gefährdet. Es ist die Lieblosigkeit, mit der sie groß geworden sind und die sie zu einem solchen Hass, zu einer solchen Unmenschlichkeit verleitet. Das ist leichter theoretisch gesagt, als getan aber in manchen Einzelfällen ist es vielleicht möglich. Statt gib-ihm-saures-draufklopfen. Das ist ihre Sprache, die kennen sie im Zweifel besser. Wir haben eine andere Sprache, die wir besser können und vielleicht haben wir da viel mehr Möglichkeiten.

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