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Interview

Madsen über kein Bock auf Nazis, die Tricks der NPD und Rockmusik. mehr

Interview mit Claudia Roth

Bündnis 90/Die GRUENEN

DGB-Jugend: Ja was ist für Sie heute Ihre persönliche Motivation, Ihr Ansporn, heute am 1. Mai hier in Rostock zu sein?

Claudia Roth: Das ist ganz klar, warum ich hier in Rostock bin. Weil es mir darum geht, alles dafür zu tun, dass Rostock bunt statt braun bleibt, dass Mecklenburg-Vorpommern, das ja jetzt vor heftigem Wahlkampf steht, nicht am Schluss eine rechtsextreme, rassistische, antisemitische Partei hier im Landtag hat. Und ich finde, der 1. Mai ist ein richtiges Datum dafür, deutlich zu machen, dass wir alles, aber wirklich alles tun müssen gegen die anwachsenden rechtsextremen Tendenzen und auch gegen die Gewalt, die es in unserem Land gibt. Und zwar in unserem Land, nicht nur im Osten sondern in der ganzen Bundesrepublik Deutschland. Und gestern ist ein guter Freund von mir, von uns, gestorben, Paul Spiegel. Und ich hab mir gedacht heute Morgen als ich losgefahren bin 'Paul, wir fahren auch wegen dir hier her', ja. Weil er war ein so versöhnender Mensch. Ein Mensch, der für jede Minderheit sich eingesetzt hat, gegen jede Gewalt und der sehr gewarnt hat vor wachsendem Antisemitismus und Rechtsextremismus. Und vielleicht ist es heute auch ein Tag für Paul Spiegel, in seinem Angedenken, dass wir es nicht zulassen, dass diese rechtsextreme Ideologie bei uns immer stärker wird.

DGB-Jugend: Was glauben Sie, was macht gerade für Jugendliche den Reiz der Nazis aus?

Claudia Roth: Ich glaube, das ist sehr schwierig zu beantworten, da gibt es wahrscheinlich kein Patentrezept. Aber ich glaube, dass viele Junge –gerade junge Männer- auch sozusagen so eine Kultur der Anerkennung suchen. 'Ich werde gebraucht, ich bin wichtig' und die finden die zum Teil eben in rechtsextremen Strukturen. Man findet so eine Art Heimat. Ich meine jetzt nicht die geografische Heimat, aber Heimat in einem strukturierten Weltbild, in einem Weltbild, wo es 1., 2., 3. Klasse gibt, wo es ganz sicher immer jemand unter einem gibt in der Hierarchie. Jemand, den man dann für die Probleme verantwortlich machen kann. Es wäre zu einfach zu sagen, das sind die sozial ausgegrenzten, denn die Rechtsextremen sind ja immer mehr anzufinden in der Mitte der Gesellschaft. Anwälte, Fahrschulbesitzer... also das ist nicht so, dass Arbeitslosigkeit gleichzusetzen ist mit Rechtsextremismus. Da macht man es sich wirklich zu einfach und man beleidigt auch Menschen ohne Arbeit, die überhaupt nicht rechtsextrem sind. Aber sozusagen die Suche nach Anerkennung, nach einem einfachen Weltbild, nach einem Weltbild oder nach einer Ideologie, die auf komplizierte Fragen sehr einfache Antworten gibt. Und auch ne Stimmungsmache in unserem Land von sogenannten demokratischen Parteien, die mit ihrer Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, gegen Migranten eigentlich Öl ins Feuer schütten, das dann von denen entzündet wird die glauben, sie könnten Menschen zusammenschlagen, weil sie schwarze Haut haben.

DGB-Jugend: Glauben Sie, dass die Gesellschaft und speziell auch die Regierung genug dagegen tut, dass sich das nicht ausweitet und das Nazis keine Chance haben?

Claudia Roth: Nein, absolutes lautes Nein! Es wird viel zu wenig getan. Und seit Jahren erlebe ich das in der deutschen Politik. Dieses Thema beschäftigt mich leider seit –was weiß ich- seit etwa 25 Jahren. Und immer und immer wieder passiert das Gleiche. Man spricht von Einzelfällen, wenn wieder jemand angegriffen worden ist. Man macht Entwarnung, wenn in Sachsen-Anhalt jetzt die DVU nicht in den Landtag gekommen ist, dann wird entwarnt. Aber man schaut sich ja gar nicht an, wenn man zusammenzählen würde, wie groß das Potenzial ist, dann gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Man gewöhnt sich mehr und mehr dran, 'Ja es gehört eben auch dazu, dass es bei uns Rechtsextremismus gibt, das ist normal.'. Ich will aber nicht, dass das normal ist in unserem Land. Und man relativiert auf unzulässige Art und Weise, denn zu sagen „Ja, in Frankreich gibt’s auch Rechtsextreme“, ja Entschuldigung, das kann für uns Deutsche nun wirklich kein Argument sein. Also die politische Entwarnung, dieser Skandal, dass man bis zum heutigen Tag nicht garantiert von Seiten der Bundesregierung, dass die Mittel bereitgestellt werden für zivilgesellschaftliche Organisationen die Opferberatung machen, die Exitprogramme machen –also Aussteigerprogramme-, die eine ganz ganz ganz wichtige Arbeit machen, um diejenigen zu stärken, die gegen Nazis sind. Dass diese Mittel nicht verstädtigt sind, ist ein Skandal, das es nicht sicher ist, ob sie überhaupt weiter laufen und dass man die jetzt auch noch aufteilen will, weil man jetzt auch noch unbedingt Linksextremismus und Islamismus und Fundamentalismus dazupacken will, das finde ich einen richtigen Skandal. Undd von Seiten der Gesetzgebung wäre es aller-, aller-, allerhöchste Zeit, dass das Antidiskriminierungsgesetz jetzt endlich mal beschlossen wird. Weil dieses Antidiskriminierungsgesetz für mich eine Art Übersetzung des Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist, es deutlich macht, dass in unserem Land niemand aufgrund seiner Religion, Geschlecht, Herkunft, Alter, sexuellen Identität oder Hautfarbe diskriminiert werden darf. Auch das ist immer noch auf Halde und müsste jetzt endlich mal beschlossen werden.

DGB-Jugend: Ok. Haben Sie vielleicht noch zum Abschluss ein Statement oder ne Botschaft für die Jugendlichen, was sie vielleicht tun können, um hier in dem Land was zu bewegen?

Claudia Roth: Ja, ich kann nur bitten und euch alle jungen Menschen bitten aber auch auffordern und mobilisieren: Mischt euch ein, was in diesem Land passiert! Und es ist nicht die Aufgabe von Juden in diesem Land, gegen Antisemitismus zu kämpfen, es ist nicht die Aufgabe von Schwulen und Lesben, gegen ihre Diskriminierung zu kämpfen, nicht von Ausländern, gegen Ausländerfeindlichkeit zu kämpfen sondern es ist verdammt noch mal unsere Aufgabe – von jedem Demokraten und jeder Demokratin. Ich kämpfe dagegen, weil ich nicht in einem Land leben will, in dem Menschen –warum auch immer- diskriminiert werden. Also es ist auch durchaus ein sehr egoistisches Motiv, es geht darum 'In welchem Land will ich leben?' und deswegen lohnt es sich, sich einzusetzen. Und wenn der Wind einem kalt ins Gesicht bläst, dann muss man Zivilcourage lernen und dann kann man am nächsten Morgen wenigstens in den Spiegel gucken.

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