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Interview

Madsen über kein Bock auf Nazis, die Tricks der NPD und Rockmusik. mehr

Interview mit Liquido

Liquido wird 1996 von vier Freunden, die sich aus der Grundschule bzw. aus dem Sandkasten kennen,gegründet. Einige Jahre später veröffentlicht das Quartett namentlich Wolfgang Schrödl (vocals, guitars,keys) - Tim Eiermann (vocals, guitars) - Wolle Maier (drums) und Stefan Schulte-Holthaus (bass) eine Single namens Narcotic auf dem eigenen Label Seven Music. Virgin nimmt sie ´98 unter Vertrag, im Juni wird Narcotic nochmals aufgelegt und was dann folgt, war ein Durchbruch wie aus dem Musiker-Handbuch. Im Dezember erhält Narcotic einen Gold-Überzug. Das Debütalbum LIQUIDO(1999) wird eine echte Sensation, gleich in zehn Ländern veröffentlicht. Ein Welthit zum Auftakt, not bad at all. Liquido ist die meistverkaufte deutsche Rockband 1999, noch mehr Gold und Platin, Bühnentriumphe europaweit bei zahlreichen Shows und Festivals.

Wolfgang: Hallo ich bin Wolfgang von Liquido.

Wolle: Ich bin auch Wolfgang von Liquido, werde aber von allen zur Unterscheidung Wolle genannt.

Wolfgang: Der liebevolle Wolle. (lacht)

Wolle: Sehr liebevoll, ja.

DGB-Jugend: Ihr habt auf eurem Konzert gerade gesagt, ihr wollt Farbe bekennen. Könnt ihr das ein bisschen weiter ausschmücken und näher erläutern?

Wolfgang: Das ist eigentlich sehr einfach. Mein Stand ist der, dass es hier die Planung gab, eine NPD-Kundgebung zuzulassen, die auch zugelassen wird soweit ich weiß. Und dass hier praktisch eine Gegenveranstaltung veranstaltet wird. Ich musste mich erst vorher erkundigen weil mir nicht ganz klar war, was das mit dem 1. Mai zu tun haben soll. Aber das spielt auch keine Rolle, wenn’s ne große Veranstaltung gibt gegen Rechts und gegen den Aufmarsch von 2.000 –ich konnt’s ja gar nicht glauben vorhin, ich hab’s ja vorhin erst erfahren- von 2.000 NPD-Anhängern, Rechtsradikalen, weiß der Herrgott, dann ist Farbe bekennen glaube ich das Mindeste, was man als Musiker tun kann und hier auftauchen und paar Akkorde spielen. Das ist wirklich das Mindeste. Und sehr gerne machen wir das.

Wolle: Gegen jegliche Art von Extremismus.

DGB-Jugend: Seht ihr euch gerade als Künstler besonders verpflichtet, irgendwie politisch aktiv zu werden und Position zu beziehen auch besonders gegen Nazis?

Wolfgang: Ja gut gegen Nazis haben wir schon viele Konzerte gespielt. Liquido gibt’s schon 10 Jahre. Es ist echt unglaublich, dass das Thema immer aktuell ist. Und wir spielen oft zu Veranstaltungen und auch gerne, weil wir das für wichtig halten. Meine Texte sind unpolitisch. Ich singe darüber, was mich persönlich betrifft, was meine Autobiografie angeht und wir hatten so den Konsens, nicht eine Band zu sein, die sich vorher zunächst einmal über eine politische Aussage einigen muss und die dann artikuliert und damit eine sehr politische Band wird. Aber ich hab meine Meinung bisschen geändert weil ich denke, die Zeit heute ist ne andere als 98 als wir die erste CD veröffentlicht haben. Ich empfinde es heute mehr denn je so, dass Musiker und Künstler generell oder Leute die gehört werden –und wenn’s nur auf ner Bühne ist, so eine riesige wie hier- dass man Farbe bekennt und sich artikuliert und damit ne politische Band automatisch wird und ist. Es gibt Sachen, wo ich denke, man kann da nicht als Band unpolitisch bleiben und sagen „Die Welt geht ihren Weg, so wie sie sich’s halt sich aussucht und wir machen Musik“, das trifft es nicht. Sondern wenn man politisch denkt und politisch interessiert ist, dann muss man in der heutigen Zeit auch seine Möglichkeiten wahrnehmen und sie öffentlich kundtun.

Wolle: Da gibt’s ja nichts hinzuzufügen.

DGB-Jugend: Mich würde mal interessieren, wann wart ihr zum letzten mal auf der Straße, wann habt ihr selber demonstriert und für was war das das letzte Mal oder wogegen war das?

Wolfgang: (lach) Darf ich da was zu sagen?

Wolle: Sag gern was dazu.

Wolfgang: Also das letzte mal auf der Straße demonstrieren... weiß ich gar nicht, ist schon ein paar Jahre her. Aber vor zwei Wochen dachte ich, man müsste eigentlich ne Gegenveranstaltung machen zu einer Demonstration in Karlshorst, Berlin-Karlshorst. Ich wohne in Berlin. Da haben Jugendliche eine Demo veranstaltet unter der Überschrift „Graffitti ist Jugendkultur und darf nicht kriminalisiert werden – freie Graffitti für alle“ so ungefähr. (lacht) Und ich wohne in Berlin seit zwei Jahren und mich kotzt es an, dass alle Häuser vollgeschmiert sind, von oben bis unten mit Graffiti. Ich bin super liberal und alles easy aber ich kann’s nicht verstehen, die sollen sich ihre Kinderzimmer voll schmieren. Und da habe ich gedacht, man sollte auf die Straße gehen und dagegen protestieren, also gegen diese Veranstaltung. (lacht) Also wisst ihr, wie es in Berlin aussieht? Man muss denen mal sagen, dass das so nicht geht. Die sollen sich ihr Bett voll schmieren oder ihr Badezimmer, ist mir scheiß egal. Und dann auf die Straße gehen und sagen „Gegen die Kriminalisierung“. Naja.

DGB-Jugend: Ok, du möchtest also eine Gegendemonstration?

Wolfgang: Ich hab’s nicht gemacht, ich hab’s nicht gemacht.

Wolle: Ich hätt’s aber super gefunden. (lacht)

Wolfgang: (lacht) Also ich hätte ein Plakat gemacht „Schmiert eure eigenen Wände voll“.

Wolle: Also ich persönlich war in meinem Leben nur einmal auf der Straße und das war auch eher –zu meiner Schande- ein Zufall. Und es war 2003 gegen die Pläne des Irak-Kriegs der USA.

DGB-Jugend: Hat der 1. Mai für euch eine Bedeutung, könnt ihr damit was anfangen?

Wolle: Da muss ich ganz ehrlich sein, das ist einfach nur ein Feiertag für mich. Ein nicht christlicher Feiertag. Der einzige richtige Feiertag für mich.

Wolfgang: Da muss ich auch wieder verweisen auf meine Berlin-Erfahrung vom Wahl-Berliner als Neu-Berliner. 1. Mai in Berlin... möchte ich nur mal kurz so verhallen lassen im Raum. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich weiß nicht warum überhaupt junge Menschen am 1. Mai so abgehen in Kreuzberg oder was weiß ich wo, wie sie’s tun. ,Tag der Arbeit’ und die schmeißen Autos um, werfen Steine und stürzen die ganze Stadt ins Chaos. Und ich weiß nicht warum. Also meine Assoziation mit 1. Mai ist dieses Chaos in Berlin. Ist das nur in Berlin eigentlich?

Wolle: Ja also in Heidelberg wird da gefeiert, da werden lustige „Tanz in den Mai-Veranstaltungen“ gemacht und dann am 1. Mai setzen sich alle auf ihr Fahrrad oder wandern in Frieden...

Wolfgang: (lacht) Man muss wissen, wir kommen aus Heidelberg ursprünglich. Und das ist offenbar, wenn ich es mit Berlin vergleiche, die Insel der Seeligen. Lieb und brav wird gegrillt am 1. Mai, das Wetter ist auch 10 Grad wärmer als in Berlin, und in Berlin fliegen Steine und Autos brennen und ich weiß nicht warum. Mein Appell: Bitte hört damit auf! Bitte keine Steine werfen! (lacht)

Wolle: (lacht) Endlich hat’s mal jemand gesagt.

Wolfgang: Ja das muss mal gesagt werden. Vielleicht wissen die es gar nicht.

DGB-Jugend: Das war das Problem.

Wolfgang: Warum sagt das denen keiner... (schmunzelt)

DGB-Jugend: Noch mal zu Nazis: Was meint ihr, was ist das Problem oder ist es gerade für Jugendliche so anziehend, dieser ganze Nazikram? Warum haben die so großen Zulauf?

Wolle: Also Gruppierungen, wo man willkommen ist ohne Wenn und Aber, wo man eine gewisse Zugehörigkeit fühlt, sind glaube ich immer interessant für Jugendliche. Man weiß wo man hingehen kann. Aber ich denke, das Grundproblem ist nach wie vor die fehlende Integration. Und meiner Meinung nach fehlt die auch beidseitig. Dieser richtige Integrationswillen, zusammen zu kommen und zu akzeptieren, dass man in ner multikulturellen Gesellschaft lebt. Und das fehlt, meiner Meinung nach, auf allen Seiten.

DGB-Jugend: Vielleicht noch mal so ein Abschlussstatement, ein paar letzte weise Worte von euch, gerade zum Thema Naziaufmarsch. Was können Jugendliche vielleicht tun? Bringt das was, hier zu demonstrieren?

Wolle: Also meiner Meinung nach: Da gibt’s ja Wurzeln dafür, die irgendwo liegen, ja. Da gibt’s ja 100.000 Beispiele, die man anführen kann. Jugendzentren, die geschlossen worden sind, von mir aus vor 10-15 Jahren – das ist zumindest überall so wo ich herkomme, wo die Jugendlichen keinen Platz mehr haben hinzugehen, sich auszutauschen etc. Und auch die Kultur nimmt bei uns ab. Ich denke mal, dass es deutschlandweit so ist. Es ist ein Problem an den Wurzeln. Und jetzt irgendjemand hier einen schlauen Spruch abzudrücken „Sei nicht rechts, sei friedlich, sei gegen Gewalt, bekenn Farbe...“. Das sind alles Floskeln und ob die was ändern, ist wieder etwas anderes. Ich meine man muss es vorleben, man muss Alternativen anbieten. Grundlegendes einfach.

DGB-Jugend: Meint ihr, die Politik tut genug dafür? Glaubt ihr, das ist ein grundlegendes Problem, dass zu wenig Prävention betrieben wird und wenig Geld in die Jugendarbeit rein gesteckt wird, damit so was z. B. nicht passiert?

Wolle: Find ich persönlich auf jeden Fall. Ich wohne in der Nähe von einer Kleinstadt, bei Heidelberg. Und da gibt es kulturell nichts. Und das Jugendzentrum wurde vor ca. 10 Jahren geschlossen, aus finanziellen Gründen, seitdem ist nichts mehr passiert. Und in dieser ganzen kleinen Stadt gibt es eigentlich auch nichts. Von mir aus zwei Kneipen, aber es gibt kein kulturelles Angebot. Es gibt weder Konzerte noch sonst irgendetwas. Und wenn man sich dann viele Berichte anschaut und viel liest, was in ganz Deutschland so passiert, dann ist das jawohl überall das Gleiche.

Wolfgang: Ich finde, dass es nicht nötig ist, altkluge Ratschläge zu erteilen. Dass wir uns allen Forderungen anschließen , ist ja klar. Jugendliche brauchen Förderungen, brauchen Möglichkeit, sich auszuleben. Ihnen müssen Grenzen aufgezeigt werden, keine Ahnung. Vor allem brauchen Jugendliche eine Perspektive, brauchen Arbeit etc. Das haben wir schon 1.000 x gehört, ist so, toll. Trotzdem klingt’s alles nach Erklärungen für mich „Warum gibt’s denn so viele Nazis?“. Ja das interessiert mich nicht, ob man Nazi ist, weil man keine Arbeit hat. Wenn man halbwegs was im Schädel hat oder sich mal anguckt, was im Fernsehen läuft... jeden Tag jetzt vor Kriegsende am 8. Mai... jeden Tag. Wenn man da mal mitkriegt, wie’s eigentlich wirklich ist, wie groß noch der Antisemitismus in Deutschland ist, dann interessiert mich nicht, ob in einer Kleinstadt irgendwo das Kulturangebot für Jugendliche zu gering ist. Natürlich muss das geändert werden, das wird seit 50 Jahren gefordert. Das muss sich auch ändern, klar. Deswegen steht es in allen Parteilisten drinn, aber gemacht wird nichts. Toll.

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