Interview mit Katrin Zschau
Die Wahl ist gelaufen. 7,3 %
der abgegebenen Stimmen entfielen leider auf eine rechtsextremistische
Partei. Seit dem 17.09. sitzt die sechsköpfige Fraktion der NPD im Landtag.
Wir wurden gefragt, wie es dazu kommen konnte und wie wir jetzt mit dem
Ergebnis umgehen.
Das Interview führte Jürgen
Kiontke, Chefredakteur der Soli aktuell, mit Katrin Zschau, Jugendbildungsreferentin
der DGB Jugend M-V. Es erscheint in gekürzter Fassung am 15.10.2006 in
der Soli
aktuell.
Jürgen: Erst Sachsen, dann M-V – muss man sich an den
Anblick von Nazis in Parlamenten gewöhnen?
Katrin: Wir dürfen und wir können Nazis in Parlamenten
nicht als ein Stück Normalität begreifen und uns schon gar nicht an rechtsextreme
Populisten gewöhnen. Die NPD lehnt zentrale Werte des Grundgesetzes und
verfassungsrechtliche Institutionen ab und ihre Kader verunglimpfen in
alter Tradition die parlamentarische Demokratie. Rechtsextremisten wollen
sich mit Landtagsmandaten nur ein seriöses Erscheinungsbild verpassen,
um auf diese Weise größere Kreise der Bevölkerung für ihre wahnwitzigen
Ziele einnehmen zu können.
Jürgen: Wie bewertest du das Abschneiden der NPD? Und
die schwindende Wahlbeteiligung?
Katrin: Die Wahlbeteiligung lag in M-V mit über 61 %
über dem erwarteten und befürchteten Wert von 47 %. Die drohende Gefahr
von Rechts hat gerade in der letzten Woche noch einmal deutlich viele
Wähler mobilisiert. Nichts desto trotz glauben viele Bürger und Bürgerinnen
mit ihrer Stimme kaum oder bis zu gar keinen Einfluss auf die Politik
zu haben. Das drückt sich in Aussagen aus wie: Politiker halten nicht
Wort, handeln nur im Interesse von Lobbygruppen oder werden selbst nur
von der Wirtschaft regiert. Auch bei dieser Wahl haben wieder fast alle
Parteien Wählerstimmen und damit Menschen und Meinungen an die Schicht
der Nichtwähler verloren. Die NPD hat einerseits von ihren Stammwählern
profitiert, die anders als vor 8 Jahren für nur eine rechtsextreme Partei
stimmen konnten. Andererseits gewann sie Stimmen der drei großen Volksparteien
im Osten, SPD, CDU und PDS.Die Linke, hinzu.
Jürgen: Die anderen Parteien haben im Wahlkampf wenig
konkrete Botschaften vermittelt – die NPD aber die soziale Frage. Haben
die Parteien im Osten Konkurs angemeldet?
Katrin: Wohl aus strategischen Gründen haben alle auf
streitbare landespolitische Inhalte und Themen verzichtet. Die Jugend
wurde gleich gar nicht angesprochen. Aus Sicht vieler Bürger und Bürgerinnen
schienen die großen Parteien auf die dringenden sozialen Probleme des
Landes keine Antworten zu haben. Es wurde jeweils auch nicht deutlich
gemacht, ob und wie viel Einfluss sie als Landesparteien versuchen wollen
auf bundespolitischer Ebene geltend zu machen. Die soziale Frage gerade
für die Jugend stellt sich jedoch bundesweit. Laut Shell-Jugendstudie
haben 69 % aller Jugendlichen in Deutschland verbunden mit drohender Arbeitslosigkeit
Existenzängste. Die scheinbar nachlassende Bedeutung von den so genannten
Volksparteien im Osten sollte vor diesem Hintergrund vielmehr Beachtung
finden und als ein warnendes Beispiel verstanden werden.
Die kommunal- und landespolitische Arbeit einer rechtsextremen Partei
wie der NPD sollte von allen politischen Akteuren sowie von den Medien
kritisch beleuchtet werden. Sie werden bestätigen, dass sie letztlich
nur für Parolen etwas taugen.
Lesehinweis: Die NPD in den kommunalen Parlamenten M-V´s – Uni- Gruppe
Greifswald 2006
Jürgen: Ihr habt Internetseiten geschaltet und Aktionen
gestartet. Die DGB-Jugend engagiert sich traditionell stark gegen Rechts.
Fühlt ihr euch von der Politik allein gelassen?
Katrin: Wir haben 2006 mit unserer Kampagne „Rechtsweg
ausgeschlossen“ und unter dem Motto „Nimm deine Freunde mit“ gezielt dazu
aufgerufen, unbedingt wählen zu gehen und sich gegen Rassismus und Vorurteile
stark zu machen. Mit der Großveranstaltung „Rostock bleibt bunt“ haben
wir uns am 1. Mai gegen den Aufmarsch der NPD in Rostock gestellt. Unsere
Berufsschultouren quer durch M-V waren 2006 Teil unserer Kampagne. 2 Tage
vor der Wahl haben wir zusammen mit vielen anderen Partnern mit dem Musikfestival
„Laut gegen Rechts“ 10.500 Jugendliche mobilisiert. Wenn auch viel zu
spät haben politische Parteien, Jugendorganisationen, Verbände und Vereine
in M-V gemeinsam an dem Ziel gearbeitet, die Neonazis zurück zu drängen.
Die politischen Parteien und auch wir als Gewerkschaftsjugend müssen an
dieser Stelle besonders den Initiativen im Land danken, die sich bereits
lange Jahre auf diesem Feld engagieren, müssen diese stärken und vor drohenden
Mittelkürzungen schützen.
Jürgen: Das Bundesfamilienministerium hat ein neues
Programm gegen Rechts geplant, dass „besser an die Erfordernisse angepasst
ist als bisherige Initiativen..“
Katrin: Der Rechtsextremismusexperte Wilhelm Heitmeyer,
der im Auftrag der Bundesregierung das alte Bundesprogramm „Civitas“ untersucht
hat, meint dazu, lokal integrierte Strategien, „lokale Aktionspläne“,
wären prinzipiell der richtige Ansatz, gerade im Hinblick auf die ländlich-kleinstädtischen,
strukturschwachen und von Abwanderung geprägten Regionen Ostdeutschlands.
Es wäre aber falsch, so Heitmeyer, wenn Kommunen als Antragssteller entscheiden
könnten, wer da mit hinein und gefördert gehört. Die Fixierung auf Kommunen
wäre ein Misstrauensvotum gegenüber zivilgesellschaftlichen Akteuren,
die unbedingt mit an den Tisch müssen. Unbedingt erhalten müsse man seiner
Meinung nach die so genannten „Strukturprojekte“ Mobile Beratungsteams
und Opferberatungsstellen, die laut Familienministerium und Bundeshaushaltsordnung
nur modellhaft und nicht dauerhaft gefördert werden können. Es geht aber
um kontinuierliche Förderung zivilgesellschaftlicher Akteure, um im Kampf
gegen Rechts erfolgreich sein zu können. Dem kann ich mich nur anschließen.
In jeder Legislatur bei Null und mit weniger Geld anzufangen, ist der
falsche Weg.
Jürgen: Wie würde erfolgreiche Arbeit gegen den Nazismus
deiner Meinung nach aussehen?
Katrin: Wie bisher müssen nazistische Parteien und Vorfeldorganisationen
radikal enttarnt werden. Aufklärung und politische Bildung sind unverzichtbar.
An Berufsschulen sind wir schon aktiv. 2007 wollen wir mit unserem Kooperationspartner
„Netzwerk für Demokratie und Courage“ (NDC), stärker an Betriebe und Ausbildungszentren
herantreten. Wir als Gewerkschaftsjugend sind jedoch nicht nur gegen etwas
sondern haben unsere Positionen, die wir in Bezug auf Jugendarbeitslosigkeit,
prekäre Beschäftigung von jungen Menschen und Ausbildungsnotstand vertreten
und die wir noch breiter öffentlich machen müssen. Nur so entziehen wir
den Neonazis die Grundlage für ihre soziale Demagogie.
Jürgen: Was passiert eigentlich, wenn die NPD beim nächsten
Mal überall 30 % bekommt?
Katrin: In einigen Wahlkreisen hat die NPD das leider
schon erreicht. Unser aller Engagement wird sich daran messen, sie hier
massiv zurück zu drängen. Zielvorgabe für 2011 ist ein nazifreies Parlament!
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